Christliche Prägung

Christsein in der Politik

Christsein in der Politik

Das Spannungsverhältnis von Politik und Moral löst sich für mich in der christlichen Weltanschauung. Die Bibel eröffnet erstaunliche Parallelen zu unserem heutigen Befinden. Über mein Selbstverständnis und die Grundlage meines politischen Handelns hab ich am 3. Oktober 1997 in Heiligenstadt anlässlich der Schönstadt-Kirmes im Kleinen Paradies ausgeführt:

„Ihr da oben und wir da unten” – Politikverdrossenheit, Parteienverdrossenheit, Obrigkeitsverdrossenheit – so alt wie die Geschichte der Menschheit ist die wechselseitige Unzufriedenheit zwischen „denen da oben” und „denen da unten”.

Adam und Eva lehnten sich auf gegen Gott, die Israeliten auf dem Weg ins gelobte Land gegen Moses und den Herrn. Dabei war das Volk Israel gerade erst der Knute des Pharao entronnen, wurde aus der Knechtschaft der Ägypter befreit. Wenige Tage in der Wüste genügten, um sich nach den sozialen Sicherheiten und den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzusehnen.

Im 4. Buch Mose klagt das Volk zum Herrn, dass es ihm schlecht gehe. „Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen”. Da entbrannte der Zorn des Herrn sehr. Und auch Mose verdross es, dass er zum Herrn sprach: „Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf meine Schultern legst? Ich vermag all dieses Volk nicht alleine zu tragen, denn es ist mir zu schwer”.

Das biblische Zeitmaß der 40 Jahre

Zu Besuch im Vatikan 1999

Zu Besuch im Vatikan 1999

Da haben wir sie, die Verdrossenheit mit der Macht, mit der Autorität, egal ob es die weltliche oder die von Gott eingesetzte ist. Und die Verdrossenheit ist wechselseitig, sie ist keineswegs ein Privileg „derer da unten”. Bei Jesaja 55,8 spricht der Herr: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege”.

Der Psalmist klagt im Psalm 95: „Vierzig Jahre war mir dieses Volk zuwider, sodass ich sprach: Es sind Leute, deren Herz immer den Irrweg will und die meine Wege nicht l e r n e n wollen”.

Eben diese vierzig Jahre, nahezu zwei Generationen, hat Moses die Israeliten durch die Wüste geführt, bevor sie das gelobte Land betreten durften. Zwei Generationen mußten vergehen, bevor das Ziel erreicht wurde. Wer sich einmal die Landkarte mit Ägypten, dem Sinai und Israel anschaut, wird nicht umhin kommen festzustellen- selbst ein ganzes Volk aus Alten, Frauen, Kindern, mit Tieren und Hausrat hätte diese Strecke in einem Jahr gut bewältigen können. Warum aber hat Moses das Volk 40 Jahre geführt? Mußten mit zwei Generationen auch die wehmütigen Erinnerungen an die Fleischtöpfe Ägyptens vergehen und begegnet uns nicht heute ähnliches?

„Es war ja gar nicht alles schlecht im Sozialismus!” (aber es konnte einem schlecht werden) Dies wurde übrigens nie behauptet, dass alles im Sozialismus schlecht gewesen sei. Der Sozialismus und das ihm zugrunde liegende Menschenbild ist schlecht. Wer dies vergessen hat, sollte sich hier die Nachbildung des Todeszaunes anschauen oder noch besser Bilder aus Nordkorea.

Aber weil der Weg, auf dem wir uns in Deutschland befinden, steinig ist, weil wir gegenwärtig in einer ganz schwierigen Durststrecke sind und weil auch manchem unter uns mehr aufgeladen wird, als er zu tragen vermag, verklärt sich für manchen das Vergangene, aus dem man sich doch so tapfer befreit hatte.

Zwei Generationen bis zur inneren Einheit

So wie es 40 Jahre gedauert hat, bis Israel am Ziel war, wird es zwei Generationen brauchen, bis wir in diesem Deutschland gemeinsam angekommen sind. Zwei Generationen zum Angleich der Lebensverhältnisse, zur Überwindung der materiellen und geistigen Trennung, zum Zuwachsen der Gräben zwischen Ost und West. Und diese Kapelle der Einheit in Freiheit ist ein Brückenkopf über dem Graben und Eure Kinder und deren Kinder werden diese Einheit vollenden. Und die Vollendung der Einheit wird ihnen nicht geschenkt werden. Denn die Probleme und Sorgen werden nicht kleiner, sie werden eher größer. Neben den Unterschieden zwischen Ost und West, aber auch Nord und Süd, ist Deutschland durch einen Prozess der internationalen Arbeitsteilung, auch Globalisierung genannt, als Arbeitsstandort, Wirtschaftsstandort und als Sozialstandort angefragt. Die damit verbundenen Probleme und die aus der ungünstigen demographischen Entwicklung resultierenden Probleme in Renten- und Krankenversicherung drängen nach Lösungen.

Denn so wie bisher kann es nicht weitergehen. Dies weiß und spürt jeder von uns. Was aber ist zu tun und durch wen? Ohne diese Thema all zu breit auszuwalzen, könnte uns beim so schweren Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft eine geschichtliche Parallele hilfreich sein. Denn es hat einen ähnlich dramatisch verlaufenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch vor etwas mehr als 100 Jahren gegeben- den Übergang der Agrargesellschaft zum Industriezeitalter mit dem Zusammenbruch feudaler Strukturen. Diese Veränderungen um die Jahrhundertwende beschreibt der sizilianische Schriftsteller Tomaso di Lampedusa in seinem berühmten Roman „Der Leopard”. In diesem Roman sagt an zwei wichtigen Stellen der junge Tancredi folgenden Satz zum Fürsten Salina: „Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, dann muss sich alles ändern”.

Wenn ich auch recht unbestimmt von Veränderungen und Handlungsbedarf gesprochen habe, bleibt doch ebenso entscheidend, wie noch nicht beantwortet, wer denn verändern soll, woher diesem Land und seinen Menschen Zukunft herkommen soll? Diese Frage aufzuwerfen, heißt nach unserer gesellschaftlichen und politischen Aufgabe heute und morgen zu fragen.

An dieser Stelle muss ich die Begriffe „Autorität”, „Vorbild” und „Elite” einführen. Denn ich bin überzeugt, dass Eliten, dass Vorbildern, eine wichtige Aufgabe in Gesellschaft und Kirche zukommen. Dabei denke ich nicht an eine Elite von Geburt, nicht an selbsternannte Eliten, ich meine Leistungseliten, Leistungsvorbilder, denen auch eine hohe moralische Autorität abzufordern ist. Leistungseliten müssen Verantwortungseliten sein.

Der Schönstatt-Bewegung ist der Begriff der Elite, der Vorbildfunktion Einzelner, nicht fremd. Ihnen ist ein persönlicher Zugang zur Mutter Gottes wichtig und dieser persönliche Zugang, diese persönliche Bindung fordert den Einzelnen. Mit einem persönlichen Zugang und damit einem besonderen Gottesbild geht kein Schönstätter in einem anonymen Kollektiv unter, sondern jeder ist bei seinem Namen gerufen und gefordert.

Aufgabe von Eliten und Autoritäten ist es, gerade auch in schwierigen Zeiten zu führen und Orientierung zu geben. Denn Demokratie ist nicht zu verwechseln mit Führungslosigkeit, nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit. Politische Eliten haben in Sachfragen zu führen und ihnen kommt wie allen Eliten eine Vorbildfunktion zu. An glaubwürdigen- man achte auf das Wort- an glaubwürdigen Vorbildern mangelt es in Deutschland, es mangelt dieser Bürgergesellschaft an Autoritäten und an gelebter Wahrheit. Wir haben deshalb Sorge zu tragen um Autorität in Gesellschaft, Familie, Politik und zunehmend auch Sorge zu tragen um Autorität in der Kirche.

Eliten wichtig in dieser Zeit

Gibt es eine Glaubenselite? Wenn ja, dann muss sie Salz der Erde und der Kirche sein. Ohne Leistungselite hat sich nie ein Staat machen lassen, ohne Glaubenselite keine Kirche. Im Gedanken der Elite liegt kein Privileg, sondern eine einzulösende Verpflichtung.

Nun ist es aber an der Zeit mit dem Zitat von Lord Nelson, zu dieser einzulösenden Verpflichtung, diesen Vortrag zu beenden. Denn dieses Zitat hat etwas mit dem zu tun, was von uns zu erwarten ist. Denn es ist egal, ob es sich um „die da oben” oder „die da unten” handelt. In der gegenwärtigen Situation haben wir in Familie, Gesellschaft und in der Kirche das unsrige zur Lösung der Probleme beizusteuern, jeder an seinem Platz. So will ich schließen mit dem Satz, den Lord Nelson vor der Seeschlacht Bei Trafalgar gesprochen hat: „Ich erwarte, dass jedermann seine Pflicht tut”.

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